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8.11.2007: nachrichten
8.11.2007
Hürden für Novel Food zu hoch?

Die Novel-Food-Verordnung steht vor der Revision: Experten fordern Nachbesserungen und kritisieren, dass langwierige Zulassungsverfahren die Innovation hemmen.




Ein Beispiel für Novelfood ist das Pilzproteinprodukt Quorn, das als Fleischalternative verwendet wird


Zehn Jahre nach ihrer Einführung steht die europäische Novel-Food-Verordnung auf dem Prüfstand. Noch diesen Herbst soll die Europäische Kommission einen Entwurf der überarbeiteten Verordnung veröffentlichen. Eine spannende Frage ist, ob neben dem Verbraucherschutz Bedürfnisse von Industrie und Handel gleichermassen berücksichtigt werden.

Internationale Experten aus Politik, Wissenschaft und Industrie trafen sich auf der "Novel Foods"-Konferenz der Akademie Fresenius am 18. und 19. Oktober in Darmstadt, um sich über ihre Erfahrungen und Erwartungen auszutauschen. Viele Akteure hoffen auf substanzielle Verbesserungen der gegenwärtigen Bestimmungen.

"Novel Foods" klingt nach Innovation. Jedoch scheint die Europäische Union nicht der Zielmarkt Nummer eins für die Entwicklung neuartiger Lebensmittel zu sein. "Die Entscheidung, ein neues Produkt auf den Markt zu bringen, hängt erheblich von den rechtlichen Rahmenbedingungen ab", sagte Graham Brookes auf der Fresenius-Konferenz. Der britische Agrar- und Lebensmittelökonom kritisierte die gegenwärtige Novel-Food-Verordnung (NFV) wegen ihrer zeitaufwendigen Genehmigungsprozedur.

Laut Brookes dauerte die Zulassung eines neuartigen Lebensmittels in der EU seit 1997 durchschnittlich 35 Monate - in den USA dagegen nur drei bis sechs Monate. Brooks: "Signifikante Verzögerungen im EU-Genehmigungsverfahren schrecken viele Unternehmen ab, neuartige Lebensmittel auf den Markt zu bringen." Aufgrund hoher Kosten für Forschung und Entwicklung wollen die Unternehmen sicher sein, dass ein neues Produkt eine entsprechende Rendite bringt, erklärte Brooks.

Anreize für Trittbrettfahrer

Ausserdem zieht die gegenwärtige NFV Trittbrettfahrer an, ist Brooks überzeugt: Wenn erst einmal ein neuartiges Lebensmittel zugelassen ist, können Unternehmen - die selbst nicht Antragsteller waren - nahezu sofort auf den Markt gelangen. Brooks: "Das liefert Unternehmen einen wirtschaftlichen Anreiz, lieber als Zweiter auf den Markt zu kommen, anstatt ,Innovator' zu sein und selbst die Zulassung eines neuartigen Lebensmittelproduktes zu beantragen." Die Zulassung sollte einen privilegierten Marktzugang einräumen, schlug Brooks vor: Das würde die Unternehmen dazu animieren, neuartige Lebensmittelprodukte zu entwickeln.

Lebensmittelsicherheit und EU-Gesetzgebung: Schutz oder Protektionismus?

Seit Einführung der Novel-Food-Verordnung im Jahr 1997 wurde die EU-Gesetzgebung im Bereich Lebensmittelsicherheit verschärft. "Lebensmittelsicherheit zählt zu den höchsten Prioritäten der Europäischen Union, aber Kontrollmechanismen müssen den weltweiten Handels- und Entwicklungshilfeverpflichtungen Rechnung tragen. Das scheint bei der NFV nicht der Fall zu sein", betonte Neville Craddock auf der Fresenius-Konferenz.

Insbesondere dürfe sich der vorbeugende Ansatz in der EU auf Lebensmittel aus Drittstaaten nicht unverhältnismässig auswirken. Craddock forderte, die Kriterien für Sicherheitsbewertungen an den möglichen Risiken auszurichten, die voraussichtliche Konsummuster in Europa und nachgewiesenen Schutz in Ländern ausserhalb der EU berücksichtigen.

Aus Sicht der Entwicklungsländer fungiert die NFV als eine indirekte Handelsbeschränkung gegen traditionelle Produkte: "Öffentliche und private Studien zufolge entgehen Entwicklungsländern Millionen, in einigen Fällen sogar Milliarden US-Dollar, die sie durch Exporte verdienen könnten", berichtete Rik Kutsch Lojenga von der UNCTAD. "Seit 1997 gab es keine Zulassung eines traditionellen Lebensmittels von Ländern ausserhalb der EU", bestätigte Annette Pöting vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Allerdings schliesst sie eine angepasste Sicherheitsbewertung - oder gar eine "Light-Version" - für traditionelle Lebensmittel aus Nicht-EU-Ländern aus. Als Lösung schlägt Pöting vor: "Es sollte ein Verfahren geben, das die sichere Verwendung des entsprechenden Lebensmittels über einen ausreichend langen Zeitraum nachweist. Eine umfassende Sicherheitsbewertung vor Markteinführung ist dann nicht unbedingt notwendig." Die dafür erforderlichen Daten müsse der Antragssteller liefern. (Medienmitteilung Fresenius)

Was ist Novel Food?

• Lebensmittel und Lebensmittelzutaten mit neuer oder gezielt modifizierter primärer Molekularstruktur;

• Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, die aus Mikroorganismen, Pilzen oder Algen bestehen oder aus diesen isoliert worden sind;

• Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, die aus Pflanzen bestehen oder aus Pflanzen isoliert worden sind, und aus Tieren isolierte Lebensmittelzutaten, außer Lebensmittel oder Lebensmittelzutaten, die mit herkömmlichen Vermehrungs- oder Zuchtmethoden gewonnen wurden und die erfahrungsgemäß als unbedenkliche Lebensmittel gelten können;

• Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, bei deren Herstellung ein nicht übliches Verfahren angewandt worden ist und bei denen dieses Verfahren eine bedeutende Veränderung ihrer Zusammensetzung oder der Struktur der Lebensmittel oder der Lebensmittelzutaten bewirkt hat, was sich auf ihren Nährwert, ihren Stoffwechsel oder auf die Menge unerwünschter Stoffe im Lebensmittel auswirkt. (Quelle: Verordnung (EC) No 258/97 Artikel 1)

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