Food aktuell
Varia
6.9.2011
Osec Foodexport-Tagung: Highlights


Rund 150 Fachleute aus der Nahrungsmittelindustrie konnte Daniel Küng, CEO der Osec, am 31.8.2011 im Hotel Marriott begrüssen. Küng strich die Bedeutung der Lebensmittelindustrie mit ihren 60’000 Beschäftigten und 30 Milliarden Franken Umsatz hervor und rief die Branchenvertreter mit Blick auf die aktuellen Währungsturbulenzen dazu auf, «trotzdem Windmühlen und nicht Schutzwälle zu bauen».


Die Schweiz wird in Europa, Asien und den USA als Exportland von qualitativ hochwertigen Lebensmitteln und Getränken noch kaum wahrgenommen. Dabei wachsen mit jedem ausländischen Lebensmittelskandal die Chancen für Schweizer Produkte. Täglich kommen Tausende von Konsumentinnen und Konsumenten dazu, die gerne bereit sind, für echte und unverfälschte Qualitätsprodukte mit Schweizer Herkunft etwas mehr zu bezahlen. Gilt doch gerade in diesem Bereich das Swiss Label als Gütesiegel erster Klasse.

Die Osec, das Kompetenzzentrum der Schweizer Aussenwirtschaftsförderung, erweitert kontinuierlich ihre Branchenkompetenz bezüglich Exportunterstützung. Um Schweizer KMU im Nahrungsmittelbereich künftig gezielter fundiertes Marktwissen zur Verfügung zu stellen, arbeitet die Osecnoch enger mit Schweizer Branchenverbänden zusammen und kann so auf deren Fachwissen zurückgreifen. Kooperationspartner sind z.B. die Foederation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (fial) und ihre Teilverbände CHOCOSUISSE und BISCOSUISSE.

Schweizer Qualität im Lebensmittelbereich hatgemäss der Osec im Ausland durchaus noch mehr Absatzpotenzial. Um einen aktuellen Einblick in die vielfältigen Aspekte der Lebensmittelindustrie zu gewähren und deren Exportmöglichkeiten aufzuzeigen, führte die Osec am 31. August in Zürich eine Veranstaltung unter dem Motto "Hungrig nach neuen internationalen Märkten?“ durch.

Exporterfolg Ragusa

Daniel Bloch (Bild), CEO des Familienunternehmens Camille Bloch in dritter Generation, schilderte die eindrückliche Geschichte des Ragusa. 1941 aus einer Not heraus – wegen Rohstoffknappheit – lanciert, ist der Schokoriegel mit Haselnüssen bis heute ein Grosserfolg. Ragusa wird in zwanzig Länder exportiert und macht 40% des Firmenumsatzes aus. Anhand seines Paradeartikels zeigte Bloch auf, wie mit Innovationen – Ragusa nahm die Trends des Ausserhaus-Konsums und der Impulsartikel vorweg – Exporterfolge zu erzielen sind.

Indem sein Vater 1979 pünktlich zum 50-Jahr-Jubiläum Ragusa auch als 100-Gramm-Tafel lancierte, brach er mit der Marke aus dem Dasein als Monoprodukt aus. «Ragusa wurde so nicht nur für den Export fit, sondern generierte auch Mehrverkäufe im Heimmarkt», sagte Bloch. Dass die aktuelle Führung bis heute erfolgreich sei und die hochgesteckten Ziele erreiche, habe auch mit Loslassen und Ballast abwerfen zu tun. «Das ist fast so wichtig wie Innovation», meinte Bloch.



Ragusa ist ein Paradebeispiel für eine Innovation der Schweizer Schokoladebranche und der Riegel ist erfolgreich im Export. Als im zweiten Weltkrieg Kakaoimporte schwierig wurden, suchte Camille Bloch alternative Rohstoffe und fand Haselnüsse. Ragusa wurde und wird heute noch mit viel Haselnüssen und wenig Kakao hergestellt. Auch die Riegelform im Kartonetui war innovativ.


Olivier P. Müller, Leiter Aktienanalyse Konsumgüter bei der Credit Suisse, zeigte das Potenzial der Schwellenländer für die hiesige Nahrungsmittelindustrie auf. Während die Wachstumsaussichten für Konsum in Industrieländern limitiert sind, betragen die Wachstumsraten in den Schwellenländern durchschnittlich 7% und machen schon heute zwei Drittel des globalen Wirtschaftswachstum aus (80% alleine China und Indien mit 2,5 Milliarden Konsumenten).

Günstige demografische Faktoren, eine wachsende Mittelschicht sowie steigende verfügbare Einkommen förderten die Nachfrage nach höherwertigen Nahrungsmitteln. Als Wachstumstreiber nannte Müller die sinkende Haushaltsverschuldung, das Bevölkerungswachstum (bis 2050 lebt 80% der Weltbevölkerung in heutigen Schwellenländern) und die Urbanisierung. Mehr Preisflexibilität in diesen Märkten erlaube schliesslich auch eine Margenexpansion trotz steigender Rohstoffpreise.

Freihandelsabkommen – Chancen und Gefahren

Über die aussenwirtschaftliche Strategie und die aktuellen Marktöffnungsprozesse sprachen Christian Etter, Delegierter des Bundesrates für Handelsverträge und Thomas Jemmi, stv. Direktor des Bundesamtes für Veterinärwesen. Botschafter Etter zeigte Stand und Bedeutung des Abkommens zwischen der Schweiz und der EU über den Agrarhandel auf und betonte, dass sich die internationalen Marktöffnungen weiter fortsetzen würden. Zuerst müssten jetzt mit der EU die institutionellen Fragen geklärt werden, bevor Verhandlungsziele wie die Beseitigung von Agrarzöllen anvisiert werden können.

Weitere Freihandelsabkommen seien umso wichtiger, als die Doha-Runde der WTO aktuell ins Stocken geraten ist. Solche Verhandlungen laufen derzeit mit Indien, Russland, Thailand und auch China. Die Marktöffnung sei aber keine Einbahnstrasse, sagte Etter und schloss mit der Aussage: «Eine zukunftsträchtige Lebensmittelbranche benötigt Märkte, keine Grenzen.»

Thomas Jemmi (Bild) vom Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) berichtete über das konkrete Vorgehen im Rahmen des SPS-Übereinkommens. Dieses stützt sich auf die internationalen WTO-Standards bezüglich Lebensmittelsicherheit, Tier- und Pflanzengesundheit. Im vergangenen Juni hätten beispielsweise in 36 Produktionsbetrieben der Milch- und Fleischwirtschaft russische Inspektionen stattgefunden, die vom BVET koordiniert wurden. Jetzt warte man gespannt auf die Auswertung, sagte Jemmi.

Unsicherheit hemmt die Industrie

Nicht glücklich mit der Entwicklung im Agrarfreihandel zeigte sich Remo Manz, Leiter Marketing und Verkauf der Bischoffszell Nahrungsmittel AG. Es sei zurzeit völlig unklar, wohin die Reise gehe. Die zur Migros gehörende Bina ist in den Geschäftseinheiten Kartoffeln, Getränke, Fertiggerichte und Früchte tätig und stellt Eigenmarken für Einzelhandel und Industrie her. Mit 900 Mitarbeitenden und einem Produktionsstandort im EU-Raum setzt das Unternehmen 600 Millionen Franken um. 30% des Umsatzes wird im Export erzielt.

Manz stört sich an der einseitigen Betrachtung der Lebensmittelproduktion in der Schweiz. «Wir wollen die Bauern schützen und vergessen dabei die Lebensmittelindustrie», kritisierte er. Dies führe zu erschwerten Rahmenbedingungen. Manz strich die zunehmende globale Vernetzung und Komplexität hervor. So nannte er etwa die Treibstoffproduktion (Getreide und Kartoffeln) als wachsende Konkurrenz im Bereich Beschaffung.

Mit Blick auf die aktuelle «Swissness-Diskussion» sagte er: «Was hilft uns das Schweizer Kreuz bei Ice Tea und Saucen? Die Wertschöpfung sollte das Mass der Dinge sein, nicht der Ursprung.» Mit Schweizer Früchten etwa könne sein Unternehmen gerade 30% der heimischen Produktion von Konfitüre sicherstellen. Die Schweiz müsse den Reformprozess dringend beschleunigen, schloss Manz.

Lifestyle und Emotionen

Nach einer interessanten Paneldiskussion mit einem Tour d’Horzion durch die Exportthematik referierte David Bosshart, CEO des GDI Gottlieb Duttweiler Institute über Konsumtrends. Ernährung sei mehr denn je Schlüsselthema einer globalisierten Welt. Food sei emotional und wirke sympathisch.



David Bosshart, CEO des GDI Gottlieb Duttweiler Institute: «Vermarkten Sie nicht Produkte sondern Lebenszeit und bringen Sie die Produkte in Zusammenhänge». Anhand des Kaffees, zeigte Bosshart die Bedeutung des Lifestyles im Food-Sektor.

Aus dem Referat von David Bosshart: Die Welt verändert sich immer schneller. Am gravierendsten ist der Vertrauensverlust der Konsumenten gegenüber der Industrie. Er ist die direkte Konsequenz der Entwicklungen in der Nahrungs- industrie: Die Wertschöpfungskettewird immer komplexer und undurchschaubarer, dasselbe passiert mit den Produkten. Ihr verlorenes Vertrauen kompensieren die Konsumenten mit Sehnsüchten - nach Einfachheit und Echtheit. Oder anders gesagt: Die Industrie bietet Seience, die Menschen wollen Romance. Die beiden Pole scheinen sich gegenseitig abzustossen.

Die Frage, wie das Vertrauen der Konsumenten wieder zurückgewonnen werden kann, steht denn auch im Zentrum dieses zweiten Reports. Der Druck, sich korrekt, zu verhalten, ist weiter gestiegen. Die Konsumenten sehnen sich nach dem Echten und fordern von den Anbietern genau das: Unverfälschtheit, Transparenz, Glaubwürdigkeit.

Halt geben ihnen auch die nur limitiert verfügbaren Produkte, die den wertekongruenten Kriterien wie «Bio.. .lokal., .saisonal. und «von Hand gefertigt» entsprechen. Die Konsumenten sind insgesamt kritischer, ängstlicher und wählerischer geworden. weil sie heute sensibler sind für die Unterschiede zwischen Sein und Schein; weil die Gesundheit mehr und mehr zum zentralen Faktor wird; weil Information allzeit und umfassend zugänglich ist.

Convenience hat Zukunft, selbst wenn das auf den ersten Blick überraschen mag. Wenn sich der Konsument fremdbestimmt fiihlt - Arbeit, Reisen, Zeitnot - kommt ihm Convenience oft durchaus gelegen. Allerdings sehnt er sich danach, dass auch das Praktische und Schnelle «echt» und gesund sei. Diese Lücke gilt es zu schliessen. Das Potenzial hierfür ist riesig und noch immer nicht annähernd ausgeschöpft - weder von den Händlern. noch von der Gastro- nomie. Auch hier zeigen Beispiele aus den USA und anderen Ländern, was möglich ist.


Fest steht gemäss Bosshart, dass Milch- wie Fleisch- und Brotprodukte weltweit immer beliebter würden.


Einzelhändler und Gastronomen sind gut beraten, vorauszuschauen und ihr Angebot so auszurichten, dass es gesundes, massvolles, ethisches, nachhaltiges und lokales Essen fördert - mehr noch, als es heute teil- weise schon der Fall ist. Der Konsument fordert nicht nur von sich selber, sondern auch von den Anbietern Konsequenz: Nur derjenige, der auf die schlechten Produkte verzichtet, sie aus dem Angebot streicht, kann diesen hohen Glaubwürdigkeitserwartungen noch gerecht werden. Auch ein darüber hinausgehendes Engagement wie Wissensvermittlung gilt es in Betracht zu ziehen.

Masslosigkeit und Entfremdung - die zentralen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte - werden abgelöst von einem neuen Bewusstsein für Essen und Nahrung. Innovative neue Angebote müssen die weit auseinanderliegenden Bedürfnisse nach Ursprünglichkeit einerseits und nach Convenience andererseits vereinen, ohne dabei Abstriche bei der Echtheit zu machen. Wissenschaft und Technik, aber auch Wissensvermittlung und Vereinfachung spielen dabei eine wichtige Rolle. Sicher ist: Der Konsument wird erst zufrieden sein, wenn er guten Gewissens Ja sagen kann. Und damit er das kann, braucht es auf allen Stufen der Wertschöpfungskette Renovationen, wenn nicht sogar Revolutionen. Das Ziel sollte sein, Science und Romance zu verbinden.

Am Networking-Apéro im Anschluss an die Referate kam es zum regen persönlichen Austausch unter den Anwesenden während die Experten-Lounge wie zuvor schon in der Pause die Möglichkeit bot, mit Experten zu verschiedenen Themen in Kontakt zu treten. (Text: OSEC)

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